Landesarbeitsgemeinschaft
Kunst und Medien NRW e.V.

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Übernahme Sennestadt

Bielefeld
23. November 2017

Achtung Kunst! Die Bielefelder Sennestadt wurde in den 50er und 60er Jahre am Reißbrett als Planstadt für Heimatvertriebene und Flüchtlinge aus der Heide gestampft. Seit 2015 finden wiederum viele Geflüchtete hier ein neues Zuhause. In diesem Projekt haben geflüchtete und deutsche Jugendliche den (neu) zu entdeckenden Sozialraum unter die Lupe genommen und mit Streetart-Techniken transformiert. Herausgekommen sind neue Perspektiven, An- & Einsichten und eine Debatte darüber, was eigentlich Kunst und was "weg kann".

Übernahme Sennestadt - Kunst im öffentlichen Raum

Kunst im öffentlichen Raum

Projektverlauf
An fünf Tagen in den Sommerferien haben Jugendliche kleine und große Kunstwerke im öffentlichen Raum erschaffen, die zum Nachdenken anregen und den Blick auf die eigene Stadt herausfordern. Im Tunnel unter der B68 hin zur Kreuzkirche, auf dem Reichow-Platz, neben dem Sennestadt-Pavillon sowie in der Innenstadt entstanden in aller Öffentlichkeit Hingucker, die zum einem das Vorhandene verschönerten und zum anderen Passanten und Besucher einluden, sich aufs Neue mit der Sennestadt auseinanderzusetzen. Auf diese Art und Weise konnten sich nicht nur die teilnehmenden Jugendlichen, sondern auch die Sennestädter durch die ‚freundliche’ Übernahme der Jugendlichen wieder mit den bereits vorhandenen Kunstwerken im öffentlichen Raum beschäftigen. Am Projekt teilgenommen haben sechs Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren mit syrischem und afghanischem Fluchthintergrund sowie eine Einheimische.
Zunächst erhielten die Teilnehmenden eine Stadtführung. Kleine, aus Papier ausgeschnittene und mit Tesafilm angebrachte Comicaugen erweckten in einem weitern Teilprojekt der Woche Objekte kurzerhand zum Leben. Besucher der Aktion fanden es ‚witzig’, dass der Schaukasten an der Kreuzkirche sie zurück anschaut, weil kleine Augen darauf angebracht wurden. Auch Augen auf Pollern, Mülltonnen oder Bäumen erweckten diese zum Leben und luden die Sennestädter zu einem zweiten Blick ein.
Der ungemütliche Tunnel unter der B68 wurde für kurze Zeit von seiner Hässlichkeit befreit und erhielt eine neue Beleuchtung, unter anderem durch bunte Lichterketten und LED-Leuchten und zahlreiche Verzierungen. Auch konnten aufmerksame Spaziergänger überall in der Stadtmitte kleine gold- und silberfarbene Skulpturen und Figuren sehen, die die schon vorhandene Kunst ergänzten sowie aus dem Aluminium von Teelichtern hergestellte Sterne in den öffentlichen Parkanlagen Sennestadts entdecken.
Im direkten Kontakt haben sich die meisten Passanten sehr über die kleinen Verschönerungen gefreut und es kam zu vielen Gesprächen zwischen Passanten, Teilnehmenden des Projekts sowie der Projektleitung. Es war für alle Beteiligten des Projekts sehr schön zu erfahren, wie Einheimische und Geflüchtete miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam an etwas arbeiten. Über soziale Medien gab es gemischte Rückmeldungen. Kunst muss nicht jedem gefallen, aber sie lädt immer wieder zu Dialogen ein. Viele der kleinen Skulpturen sind sicher auf dem ein oder anderem Wohnzimmerschrank gelandet, denn schon nach kurzer Zeit waren einige der ‚vergoldeten’ und ‚versilberten’ Spielzeugfiguren mitgenommen worden.
An einem weitern Projekttag verkleideten die Jugendlichen vorsichtig einen Teil von Tony Cragg’s Skulptur „Auf der Lichtung“ mit Luftpolsterfolie. So sollte die Skulptur durch die Verpackung wieder in das Bewusstsein der Sennstädter gelangen.
Als Projektabschluss bauten die Jugendlichen zusammen mit Designer Oliver Schübbe, einen Kokon direkt neben dem Sennestadt-Pavillon. Zuerst wurde ein Kreis aus zersägten Lattenrosten auf dem Boden verankert, dann mit Kabelbindern 4m in die Höhe gebaut und auf diese Weise ein großer, einem umgedrehten Korb ähnlichem, Iglu-artiger Raum erschaffen. Dieser wurde mit bunten Stoffen teilweise verkleidet.
Der „Kokon“ war noch bis Mitte September gegenüber dem LUNA und neben dem Sennestadt-Pavillon zu sehen. Er durfte gerne betreten werden und lud zum Verweilen und einer weiteren neuen Sicht auf Sennestadt ein.

Ziele
Das Angebot ermöglicht Jugendlichen mit und ohne Fluchthintergrund die Erschließung neuer Teilhabemöglichkeiten, indem sie sich kreativ und öffentlich mit ihrem Sozialraum auseinandersetzen. Darüberhinaus wurden sich die Jugendlichen durch den interventionistischen Charakter der Projekte der besonderen Geschichte und der aktuellen (Stimmungs-)Lage des architektonisch und städtebaulich bedeutsamen Stadtbezirks bewusst. Durch das (freundliche) Eingreifen in den Stadtraum entstanden nicht nur bei den Akteuren, sondern auch bei den Zuschauern eine Neu-Verortung und Dekonstruktion des Altbekannten. Perspektivübernahme und Gesprächsanlässe wurden so provoziert und waren erwünscht und gewollt. Durch den partizipativen Ansatz mit Akteuren mit und ohne Fluchtgeschichte wird die Frage aufgeworfen: Wem gehört die Stadt?

Das Projekt fand statt in Kooperation mit der Hans-Bernhard-Reichow-Gesellschaft e.V., dem Sennestadtverein e.V. (Arbeitskreis Vielfalt) sowie der Ortsheimatpflege Sennestadt. Ermöglicht wurde das Projekt durch eine Sonderförderung des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes NRW

Ein Kokon entsteht Teil 1

Ein Kokon entsteht Teil 2

Ein Kokon entsteht Teil 3

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