Landesarbeitsgemeinschaft
Kunst und Medien NRW e.V.

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Poesie des Zufalls

03. Dezember 2017

Jugendliche im Alter von 11 – 18 Jahren haben sich unter der Leitung von Verena Günther für eine Woche in der Abenteuerwerkstatt Gummersbach sowohl physisch als künstlerisch mit dem Begriff Bewegung auseinandergesetzt. Die Gruppe bestand aus Jugendlichen aus dem Umkreis und unbegleitet Geflüchteten aus Palästina, Afghanistan,Iran und Irak. Ziel des Projektes war, die Jugendlichen für ihre Umgebung zu sensibilisieren und ihre Lust zu wecken diese auf ungewöhnliche Weise zu erkunden und mit ihr in direkten Kontakt zu treten. Dabei entstanden Selbstbilder, Portraits, inszenierte Gruppenfotos, Fotogramme mit Fundobjekten, ein Stopmotion- Film mit animierten Fundsachen und ein gemeinsames Mobile.

Poesie des Zufalls -

Projektverlauf

Ankommen/ Vor Ort/ Fundsachen/ Fotogramm + Stopmotion
Wir starteten jeden Morgen mit einem gemeinsamen Frühstück. An den folgenden Tagen bot sich so die Gelegenheit den vorangegangenen Tag Revue passieren zu lassen und einen Tagesüberblick zu schaffen. Am ersten Tag stellten wir das Projekt vor und fragten in die Runde „Wo seid ihr gern? Welche Orte interessieren euch?“ So sammelten wir ein paar interessante Ziele und Aktivitäten für die kommenden Tage...
Während einer Kennenlernrunde mit theaterpädagogischen Namens- und Bewegungsspielen entstand eine herzliche und von vielen Lachern geprägte Atmosphäre -  ein erstes „Sich-aufeinander-Einlassen“. Die Spiele leiteten direkt über zur ersten fotografischen Aufgabe: Wie möchte ich mich im Moment darstellen? Wie geht es mir gerade? Was möchte ich von mir zeigen? „Ein Augenblick aus der Bühne Leben!“ Die Jugendlichen arbeiteten paarweise, wobei das Modell festlegte wie und wo es fotografiert werden wollte. Rund um die Abenteuerwerkstatt begannen wir dann mit der Suche nach interessanten Fundstücken, die in Schuhkartons zusammengetragen wurden.
Nach Sichtung des Materials, teilten wir die Gruppe, um auf zwei Arten mit den gefundenen Dingen zu arbeiten. Nach der Hälfte der Zeit wechselten wir. „Was kann ich aus den Dingen, die mich vor Ort umgeben, gestalten? fragten wir. Eine Gruppe lernte die fotografische Dunkelkammer und das Verfahren der Fotogrammherstellung kennen. Die andere probierte die Fundsachen mit Hilfe des Stopmotiontricks zu animieren. „Lege ein Bild, in dessen Aufbau ein oder mehrere Teile in Bewegung versetzt werden und fotografiere eine Abfolge dieser Bewegung.“ Hierbei entstanden narrative und abstrakte Bildgeschichten, die in einem Einminüter zusammengefasst später einen Trickfilm ergaben.

Unterwegs/ Oberflächen/ ich und du/ die Gruppe
Am 2. Tag begaben wir uns mit Kanus auf die Aggertalsperre und lernten einen wunderschönen, abwechslungsreichen Ort kennen. Auf künstlerischer Ebene entstanden weitere Portraits, wieder paarweise und diesmal in der Natur. Außerdem erarbeiteten wir eine Sammlung von Oberflächenstrukturen, mittels Frottagetechnik direkt an den Anlegeorten mit farbigen Wachsblöcken zu Papier gebracht. Als Untergründe dienten Baumrinden, Steine, Moos, die Kanus, Äste... Gegen Ende des Ausflugs komponierte ein Teilnehmer das erste Gruppenbild. Er suchte sich eine Stelle aus, die ihn inspirierte, und leitete die Gruppe an, sich nach seinen Vorstellungen zu positionieren.
Tag 3 : Wir bewegten uns mit öffentlichen Bussen und zu Fuß zunächst in Richtung Gummersbach Zentrum. Bei der Ankunft weckte ein besonders gestalteter Kreisverkehr in Bahnhofsnähe sofort unsere Aufmerksamkeit. Dort sammelten wir uns, um erst ein paar Fotobeispiele origineller Gruppen- inszenierungen zu betrachten. Einer der Jugendlichen nahm es dann in die Hand die Gruppe im Kreisverkehr nach seiner Bildidee aufzustellen und zu fotografieren.
Das nahegelegene Gelände der FH nutzten wir im Anschluss für weitere Portraits: in Zweierteams durchstreiften die Teilnehmenden mit Kameras und konkreten Aufgaben die Umgebung der Hochschule. Dabei gaben Einzelne jeweils eine Aufgabenstellung vor, zB. „Mach' ein Bild, auf dem nur ein Auge und ein Fuss zu sehen sind!“ Sogleich schwärmten die Teams aus, um einander spontan originell in Szene zu setzen. Die örtlichen Gegebenheiten boten dabei vielseitige Möglichkeiten der Gestaltung und Interpretation.
Nach der Mittagspause: Zwei Jungen der Gruppe fanden den flächig angelegten Brunnen hinter dem Busbahnhof spannend und leiteten als Team die anderen Jugendlichen zu einer Aufstellung mit besonderen Posen für das nächste Gruppenbild an.
Zurück auf dem Bussteig verteilten wir erneut Wachsblöcke, Bleistifte und Papier. Jetzt galt es, sich den öffentlichen Raum der Stadt auf künstlerische Weise mit der Frottage-Technik zu erschließen. Einige begannen nur zögerlich, andere mit großer Begeisterung. Die Blicke der unbekannten Wartenden hemmten manche Jugendliche die Technik ungezwungen an Bänken, auf dem Boden, an Schildern und Brüstungen auszuprobieren. Wir erkundeten an dem Tag noch zwei Bushaltestellen, die uns im Vorbeifahren auffielen – gemeinsam wurden dort weitere Gruppenbilder umgesetzt.

Bild/ Beziehung/ Materialausbeute/ Präsentation
Die Idee ein bleibendes Objekt im Raum zu schaffen, das noch einige Zeit an die gemeinsame Woche erinnern würde, setzten wir in Form eines Mobiles um, für das wir am 4. und 5. Tag kleine Einzelkunst- werke aus dem Material der anderen Tage schufen. Die Basis bildete ein frei schwebendes Holzbrett, an dem Drahtobjekte hingen. Ihre Herstellung beinhaltete ein besonderes Moment. Die einzelnen Objekte formten wir zunächst in Teamarbeit aus geknülltem Zeitungspapier, welches mit Draht umwickelt wurde, bis ein haltbares Geflecht entstanden war. Dann verbrannten wir das formgebende Papiergebilde gemeinsam im Lagerfeuer, sodass nur die Drahthüllen übrigblieben. Die Portraits und Gruppenfotos fanden im Mobile u.a. in Form von Collagen (Farbfotos mit den gleichen Motiven in schwarzweiss kombiniert) Verwendung. Aus dem Fundus der Frottagebilder suchten wir Ausschnitte zur weiteren Gestaltung aus.
Für die Foto-Präsentation entlang einer Wand sichtete die Gruppe alle Portraits gemeinsam. Wir besprachen die unterschiedlichen Wirkungen der Bilder und legten Favoriten fest. Bei einem Assoziationsspiel setzen wir dann die ausgedruckten Fotos zueinander in Beziehung und hängten sie in der sich nun ergebenden Reihenfolge auf. Jedes Fotogramm erzählte seine eigene kleine Geschichte neben dem Trickflm, der zum Teil die gleichen Fundstücke in völlig neuem Kontext und „bewegt“ zeigte.
Am Nachmittag des 5. Tages konnten unsere Gäste schließlich die Ausstellungsstücke, die alle irgendwie aufeinander zu reagieren schienen, im großen Gemeinschaftsraum der Abenteuerwerkstatt bewundern.

Rückblick – Ausblick
Eine gemischte Gruppe von Jugendlichen nahm an „Poesie des Zufalls“ teil.  Zu etwa gleichen Teilen setzte sie sich zusammen aus unbegleiteten jugendlichen Geflüchteten, regelmäßig an Aktivitäten des Zentrums teilnehmenden Jugendlichen und „Neuzugängen“ im Rahmen des Ferienprogramms. Für alle Teilnehmenden stellte die Zusammenarbeit eine große Herausforderung dar. Sie mussten zum einen den Versuch unternehmen sich auf ein Kunstprojekt einzulassen, bei dem man sich von Spontaneität und Unbefangenheit leiten läßt. Ein Projekt, bei dem man ausprobiert, Vieles zum ersten Mal macht und über dies noch den Blicken der anderen Gruppenmitglieder oder sogar von Unbekannten ausgesetzt ist. Zum anderen lag der Fokus stark auf der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber und mit sich selbst.
Die Mischung der Gruppe aus bereits seit längerem sozialpädagogisch Begleiteten, jungen Flüchtlingen, die durch das Projekt AID (Ankommen in Deutschland) Hilfe und Integration erfahren, und Ferienprogramm-Teilnehmenden barg viel Potenzial für die künstlerische Auseinandersetzung. Die sehr unterschiedlichen Jugendlichen hatten Spaß am gemeinsamen Entwickeln von Ideen, doch gab es immer wieder Probleme untereinander.
Besonders in Konfliktsituationen war die Unterstützung durch das professionelle Team der Abenteuerwerkstatt e.V. unerlässlich für das Gelingen des Projektes. Streit brach hier und da vor allem wegen sprachlicher Missverständnisse aus. Grundsätzlich konnte man sehen, dass das Zusammensein in der Natur, wie auch unterwegs in Gummersbach viel entspannter verlief, als das Arbeiten im geschlossenen Raum.

An dieser Stelle auch ein herzlicher Dank an Axel Winkler und das Team der Abenteuerwerkstatt für die tolle Zusammenarbeit!

Projektleitung, Kooperation & Förderung
Leitende Referentinnen: Verena Günther und Sandy Craus
Übersetzung: Salwah Gazal
Projektzeitraum: 21. bis 25.08.2017
Das Projekt fand statt in Kooperation mit der Abenteuerwerkstatt Gummersbach e.V.
Ermöglicht wurde das Projekt durch eine Sonderförderung des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein Westfalen.

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